Buchrezension zu Mike Lancasters "0.4 - Eine perfekte neue Welt"
von Faith am 12.10.2011Artikel
Pro/Contra
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Der Inhalt
Der 15-jährige Kyle und seine Ex-Freundin Lilly erwachen nach einer Hypnose und stellen fest, dass die Welt sich verändert hat. Denn das menschliche System funktioniert analog zu dem Betriebssystem von Computern, auch wenn die Menschen das nicht wissen. Während der Hypnose hat ein Upgrade auf die Version 1.0 stattgefunden, die Hunger, Leid und Kriege für immer verhindern soll.Kyle und Lilly sind noch auf dem alten Stand 0.4. Familie und Freunde erkennen sie nicht mehr, technische Geräte sehen in ihnen potenzielle Schädlinge. Sie stehen vor der Wahl, sich nachträglich anzupassen und damit auf ihre Identität zu verzichten oder ein Leben als Außenseiter zu führen.
Die Kritik
Das Buch machte mich in erster Linie wegen dem Klappentext neugierig. Zwar schwang auch der „Nicht schon wieder eine Dystopie“-Gedanke mit, aber da mich Bücher in diesem Bereich für gewöhnlich interessieren, begann ich freudig damit, „0.4 - Eine perfekte neue Welt“ von Mike Lancaster zu lesen. Auf eine komplett andere Art und Weise beginnt der Autor direkt am Anfang damit, den Begriff „Buch“ so zu definieren, dass es auch unsere Nachfahren in einer entwickelteren Zukunft verstehen können. Mit den Formulierungen „Mittels einer heute ausgestorbenen Technik, die ‚Lesen‘ genannt wurde.“ und „Auf jeder Seite sind dauerhaft Informationen abgelegt, die von links nach rechts und von oben nach unten visuell erfasst werden.“ versteht der Leser schnell, dass wir uns bereits in einer anderen Zeit vorfinden dürfen. Auch das machte mich auf eine andere Weise neugierig und verleitete mich dazu, das Buch nicht wegzulegen…Weiter geht es mit der „Vorbemerkung des Herausgebers“ – ebenfalls ungewöhnlich, aber angenehm auffallend. Ich mochte es, wie mir der Autor das Gefühl vermittelte, dass ich tatsächlich ein Mensch der Zukunft sei, der sich für die „Vergangenheit“ interessiert. Dabei bin ich doch selbst die Vergangenheit. Und doch schaffte Lancaster es, mich das kurz vergessen zu lassen…
Schließlich geht es mit der Handlung los. Kyle erzählt aus seiner Perspektive, wie er zusammen mit drei weiteren Dorfbewohnern durch Zufall in ein Abenteuer stürzt, das folgenschwerer ist, als man es sich ausmalen möchte. Meiner Meinung nach ist es eine unheimlich originelle Idee, die Menschheit seit je her up-zu-daten. Sie lässt mich an viele verschiedene Theorien denken, die das Sein und das menschliche Bewusstsein infrage stellen. Denn weshalb sind wir uns eigentlich so sicher, dass das Hier und Jetzt wirklich alles ist, was existiert? Laut Mike Lancasters Dystopie wimmeln zwischen uns viele verschiedene 0.4-er – der Rest. Die, die nicht mit dem neuesten Update aktualisiert worden sind. Die, die durch irgendetwas behindert wurden. Die, die jetzt für uns unsichtbar sind. Wir können uns nicht sicher sein, dass das nicht der Wahrheit entspricht. Und diese spannende Ungewissheit nutzt Lancaster sehr gut aus – er spielt mit dem philosophischen Denken und das hat mir großen Spaß gemacht, denn er hat mich zum Nachdenken motiviert.
Natürlich umfasst ein Roman mit knapp 270 Seiten keine groß verwobene und tiefgründige Handlung. Es fiel mir schwer, mich in die neue Welt einzufinden, nicht, weil etwas unklar war, sondern weil mir der Protagonist Kyle von Anfang an sehr fern erschien. Sehr oberflächlich. Niemand, mit dem ich mich identifizieren konnte. Auch die weiteren Charakteren, beispielsweise Lilly, waren sehr durchsichtig und überraschten mich nicht. Im Großen und Ganzen war ihr Handeln vorhersehbar und deshalb auch nicht spannend.
Und trotzdem wollte man dank einer ausgeklügelten Verschwörungstheorie immer mehr wissen. Die Handlung war das, was mich fesselte. Und der ungewöhnliche Aufbau des Buches. Denn der Leser liest nichts weiter, als die schriftlichen Aufzeichnungen von Kyles Kassetten, die er während des ganzen Tumults aufgenommen hat und an die Menschheit hinterlassen hat. Es macht Spaß, einen Bericht von einem Überlebenden zu lesen – es ist schlichtweg mal was anderes.
Enttäuschend war leider das Ende. Vielleicht hatte ich mir zu viel erhofft. Aber es gab keine einzige überraschende Pointe, die das Ende noch mal aufrütteln könnte. Und trotzdem hatte es eine Aussage, die ich zwar als etwas abgedroschen empfand, aber die hängen blieb.
Mit den Worten:
„Wir.
Denken.
An.
Euch.“
schließt Lancasterden Roman ab und hinterließ mich in einem schwierigen Zustand. Für den Moment, in dem du in dem Buch eingetaucht bist, glaubst du das. Du denkst, du seist selber in der Zukunft und würdest den unsichtbaren Rest erhören. Das schafft der Autor hervorragend.
Abschließend kann ich sagen, dass mich das Buch gefesselt hat. Die Idee war spannend, originell, aber auch etwas beängstigend. Wenn auch nicht im negativen Sinn. Der Schreibstil ließ etwas zu wünschen übrig, denn ich empfand überhaupt keinen Tiefgrund. Der Aufbau des Buches hingegen fiel besonders positiv in Form von Kassetten und persönlicher Einbindung zum Autor auf.
Wir danken dem Oetinger Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!