Leseprobe zu: Schattenreiter

von Aliesa am 16.04.2010
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Allgemeine Infos

Die junge Berlinerin Jorani kommt nach South Dakota, um den Sommer bei ihrer Tante zu verbringen. Als sie eines Abends von einer Jugendgang attackiert wird, taucht der gutaussehende Rin auf und schlägt die Angreifer in die Flucht.

Jorani
fühlt sich zu ihm hingezogen, doch obwohl Rin ihre Gefühle offenbar erwidert, weist er sie zurück. Dann entdeckt Jorani Rins Geheimnis: Er ist ein Kentaur - und darf sich nicht ohne weiteres mit einer Menschenfrau einlassen...

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Schnell hatte ich den Stadtrand erreicht. Eine weite Graslandschaft tat sich vor mir auf, die sich bis zum Horizont erstreckte. Einzelne Wolken standen am sommerblauen Himmel. In der Ferne sah ich einige Bäume und Felsen. Die Ausläufer der Black Hills.

Einige Schritte von mir entfernt lag etwas im Gras. Doch ich konnte nicht ausmachen, was es war. Vielleicht eine Jacke oder eine zusammengerollte Decke, die jemand vergessen hatte. Ich ging näher heran und merkte schnell, dass ich mich irrte. Das Etwas war pelzig und merkwürdig eingedrückt. Dann erkannte ich Pfoten und wich instinktiv zurück.

Das war ein Tier.

Es sah übel zugerichtet aus. Ich konnte nicht erkennen, was für ein Tier es war. Dafür war es viel zu entstellt. Der Wind strich sanft über sein stumpfes Fell und bewegte es leicht.

"He, was machst du da?"

Erschrocken sah ich hoch und blickte in das schmale Gesicht eines jungen Mannes, der plötzlich vor mir stand.

Lange braune Haare umschmeichelten sein Gesicht, dunkle Augen funkelten wütend. Unverkennbar floss das Blut amerikanischer Ureinwohner in seinen Adern.

"Jemand muss es angefahren haben", platzte ich heraus.

Er betrachtete mich abschätzend, was mir nicht sonderlich behagte. Seine Augen wirkten merkwürdig fern, so als besäßen sie eine unendliche Tiefe.

"Fass es besser nicht an", sagte er. Er kniete sich hin, nahm seinen Rucksack ab und holte eine Decke heraus, in die er das Tier einwickeln wollte. Ich schloss daraus, dass es noch lebte.

"Soll ich … einen Tierarzt holen?", fragte ich aufgelöst. "Gibt es überhaupt einen in der Nähe?" Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich einer in Calmwood niedergelassen hatte. Wahrscheinlich müssten wir nach Rapid City fahren. In Gedanken plante ich bereits, mir Abigails Käfer auszuleihen.

"Der Hund ist tot."

Vorsichtig schlug er die Decke um das Tier und hob es hoch. Ganz behutsam, als hielte er einen kostbaren Schatz in den Händen.

"Trotzdem danke für das Angebot", sagte er nun freundlicher, und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen.

"Tot?"

Er nickte und musterte mich wieder. Jetzt erst schien er mich richtig wahrzunehmen.

"Du bist nicht von hier, oder?"

Ich schüttelte den Kopf. Fasziniert blickte ich in seine Augen, die so dunkel waren, dass ich zwischen Iris und Pupille kaum unterscheiden konnte. "Ich bin seit gestern bei meiner Tante Abigail Stanford zu Besuch." Ich ging davon aus, dass ihm zumindest ihr Name bekannt war. Schließlich kannte hier jeder jeden.

"Dein Englisch ist nicht schlecht, aber ich höre einen leichten Akzent."

Ich war überrascht, hatte ich doch geglaubt, man könne mich aufgrund meines guten Sprachtrainings für eine Einheimische halten. Der junge Mann musste eine gute Beobachtungsgabe oder sehr feine Ohren haben.

"Ich bin Berlinerin", klärte ich ihn auf.

"Willkommen in Calmwood. Tut mir leid, dass wir dir kein schöneres Begrüßungsgeschenk machen konnten." Nun klang er sarkastisch.

"Rücksichtslose Autofahrer scheint es selbst in einem idyllischen Örtchen wie diesem zu geben", meinte ich resignierend. Wie oft kam es vor, dass jemand ein Tier anfuhr und es schwer verletzt liegen ließ. Das konnte mich wirklich aufregen.

"Er ist nicht unter die Räder gekommen. Er wurde von Menschenhand getötet ", erwiderte der Fremde mit einer eigenartig monotonen Stimme und wandte sich um.

Getötet? Ich musste schlucken.

Er ging weiter, und ich folgte ihm unwillkürlich. Gab es in Calmwood tatsächlich Menschen, die zu so einer Grausamkeit fähig waren?

Der Fremde blieb an einer kleinen Mulde stehen, die er offenbar zuvor ausgehoben hatte und legte das tote Tier hinein. Mit bloßen Händen schaufelte er die aufgeschüttete Erde auf die Decke.

"Unser Freund hat kein gnädiges Ende gefunden." In seiner Stimme schwang grenzenlose Verachtung. Ich hingegen war viel zu geschockt, um etwas zu sagen. Zugleich war ich beeindruckt, dass der junge Mann sich des armen Tieres annahm. Ich hockte mich zu ihm und grub meine Finger in die warme Erde, um ihm zu helfen.

"Warum machst du das?", wollte ich wissen.

"Warum machst du es?"

"Ich hab zuerst gefragt."

Er nickte. "Es ist besser, ihn zu vergraben. Sonst lockt er Aasfresser an."

Nicht weit von uns entfernt saßen zwei Krähen auf einem großen Stein. Sie plusterten ihr dunkles Gefieder und guckten interessiert zu uns herüber.

"Du kennst dich gut aus. Bist du Tierarzt?"

Ich hörte ihn lachen und sah aus dem Augenwinkel, dass er den Kopf schüttelte. Dann war er sicher Farmer. Jedenfalls jemand, der Ahnung hatte.

"Also, und warum hilfst du mir?" Er sah mich neugierig an.

Ich zuckte mit den Schultern. "Der Hund tut mir leid."

Er sammelte faustgroße Steine und legte sie auf einen Haufen. Einen davon zeigte er mir. Er war rund und staubig. Als ich ihn kurz in die Hand nahm, merkte ich, wie schwer er war.

"Die kommen auf das Grab. Weißt du auch wieso, Stadtmädchen?"

Ich hatte nicht die geringste Ahnung und hob hilflos die Schultern. Dann gab ich ihm den Stein zurück.

Er lächelte nachgiebig. "Dadurch verhindern wir, dass sich Raubtiere am Kadaver vergehen."

Gewissenhaft verteilte er die Steine auf der lockeren Erde.

"Sieh hin, Stadtmädchen, ich lasse keinen Platz zwischen den Steinen. Ein hungriges Tier ist sehr erfinderisch und würde bei zu großen Lücken zu graben beginnen. Doch das Leichengift würde ihm nicht guttun."

"Ich verstehe", sagte ich. "Aber warum nennst du mich ständig Stadtmädchen?"

Er hielt inne und grinste mich unverfroren an. "Weil man dir anmerkt, dass du aus einer Großstadt kommst."

"Ach ja?"

"Du warst dir nicht mal sicher, ob der Hund noch lebt." Er lachte leise.

"Hey, mach dich nicht lustig. Ich habe es nur gut gemeint. Außerdem wusste ich, dass er tot ist. Erst als du ihn wie ein Baby eingewickelt hast, bekam ich Zweifel."

"Ich weiß. Aber deine Unsicherheit hat dich trotzdem verraten." Sein Lachen wurde lauter.

"Das nenne ich Dankbarkeit", sagte ich gereizt, denn ich fühlte mich von dem Kerl veralbert. "Das nächste Mal überlege ich es mir zweimal, ob ich helfe."

Sacht hielt er mich am Arm zurück. "Sei nicht böse, Stadtmädchen. War nicht meine Absicht, dich zu kränken. Im Gegenteil. Ich bin dir wirklich dankbar."

Er drückte mir den letzten Stein in die Hand und nickte mir aufmunternd zu. Ich legte ihn an die vorgesehene Stelle.

"Sehr gut", lobte er mich und presste die Handflächen aneinander, als wollte er beten.

"Was soll das werden?", fragte ich irritiert.

"Ich muss seinen Geist befreien."

"Was?"

"Er ist steckt in seinem Körper fest, weil er einen grausamen Tod erfuhr. Wenn wir ihn nicht befreien, bleibt er für immer gefangen und findet niemals Frieden."

Der Kerl meinte ernst, was er da sagte. Ich hingegen glaubte nicht an Übersinnliches. Unter normalen Umständen hätte ich ihn einfach machen lassen und wäre gegangen. Aber etwas an ihm faszinierte mich und hinderte mich daran zu gehen. Stattdessen beobachtete ich ihn sehr genau. Er holte ein Gebilde aus mehreren Federn, das an einen Traumfänger erinnerte, aus seinem Rucksack und legte es auf das Grab.

Dann senkte er den Kopf, so dass ihm die Haare ins Gesicht fielen, und konzentrierte sich. Reglos verharrte er vor dem Steinhaufen. Ich wagte nicht, mich zu bewegen oder zu sprechen.

Eine fast unheimliche Stille breitete sich über dem Feld aus. Der Wind bewegte die Federn, trieb sie plötzlich hinauf, bis sich das runde Gebilde um sich selbst drehte.

Es trieb immer weiter hinauf, bevor es langsam wieder zu Boden segelte. Ungläubig verfolgte ich das Spiel. Neugierig und eingeschüchtert zugleich. War es der Geist des Hundes gewesen, der die Federn bewegt hatte? Ich traute mich nicht, den Fremden zu fragen.

Gerade als ich glaubte, er hätte sein Gebet beendet, ertönte eine kehlige Stimme, die so ganz anders klang als seine Sprechstimme. Andächtig lauschte ich dem angenehmen Klang.

Bewertung unserer Redaktion
Gesamtwertung:
7 von 10 Punkten

Covergestaltung:
4 von 5 Sternen!
Schreibstil:
3 von 5 Sternen!
Originalität:
4 von 5 Sternen!
Unsere Redaktion meint
"Die Leseprobe macht Lust auf ein gutes Buch für Zwischendurch!"
Buch-Hintergrundwissen

Schattenreiter

  • Termin: 01.05.2010
  • Genre: Fantasy
  • Autor/in: Sarah Nikolai
  • Verlag: Ullstein TB

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